LIBS Blog

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Lesben – (un)sichtbar?

4. November 2011 von Diane B.

Wie sichtbar sind Lesben? Diese Frage ist alt, immer wieder wird die Nicht-Sichtbarkeit von Lesben beschrieben, als Nachteil bedauert – wo sind die anderen?/bin ich allein? – , aber auch als Vorteil deutlich gemacht – besser abtauchen, sich verstecken, nicht diskriminiert werden, weil nicht erkannt. Wie immer lesbe ihre eigene Sichtbarkeit handhabt, sie kommt in der Zeitungs- und Medienlandschaft wenig vor. Auch wenn der Trend, Lesben, aber vor allem Schwule in Bild, Text und Ton aufzugreifen, in den letzten Jahren zugenommen hat, scheinen Lesben in ihren vielfältigen Lebensläufen und -entwüfen nicht annähernd realistisch dargestellt zu werden – und nicht nur dies, sie werden auch nicht annähernd so häufig und explizit dargestellt wie Schwule.

Elke Amberg hat in einer Studie Artikel zu zwei zentralen lesbisch-schwulen Themenbereichen untersucht. Die Leitfragen lauteten: Wie stark und auf welche Weise kommen Lesben in der Presse vor? Die Idee kam von der Münchner Lesbenberatungsstelle LeTRa. Die Untersuchung konzentriert sich auf vier Tageszeitungen, darunter die als Meinungsführerin geltende und deutschlandweit gelesene Süddeutsche Zeitung sowie der überregional verbreitete Münchener Merkur. Die Studie ist eine Vollauswertung des zweiten Halbjahres 2009, d.h., alle Artikel, die erschienen sind, wurden berücksichtigt, allerdings nur zu den zwei spezifischen Themen ”CSD” und “Rechtliche Gleichstellung”, also zwei klassisch lesbisch-schwule Themen, die allerdings den Großteil der gesamten lesbisch-schwulen Berichterstattung ausmachten.

Die Studie ist als Buch “Schön! Stark! Frei! – Wie Lesben in der Presse dargestellt werden” jüngst erschienen und stellt klar, was lesbe schon vermutet hat. Lesben wird in der Presse sehr viel weniger Präsenz als Schwulen zusgestattet. Sie werden in 1/3 der untersuchten Artikel zu lesbisch-schwulen Themen vollkommen augeblendet, in anderen “werden Themen, die beide Geschlechter betreffen, so aufbereitet, dass den LeserInnen suggeriert wird, es ginge nicht um Lesben” (Amberg, 205). Es wird “entlang schwuler Erfahrungen und schwuler Geschichte” berichtet und bebildert, was sich nicht zuletzt auch sprachlich, z.B. durch den männlich/schwul konnotierten Begriff “homosexuell” äußert. Wenn Lesben erscheinen, dann nicht als Szene-Lesben, sondern “vorzugsweise in traditionellen Rollen” – z.B. als Mutter. Amberg spricht hier von einer “normalisierenden Darstellung”, die die wenigen Berichte und Artikel kennzeichnet, in denen Lesben vorkommen. Dazu gehört, dass “lesbisch” oder “Lesbe” als Begriffe nicht auftauchten.

Dies sind nur einige Stichpunkte – und die genauere Lektüre lohnt sich, denn die Studie mag zwar nicht repräsentativ für die Bundeslandschaft der Medien sein, zeigt aber gängige etablierte Bericht- und Darstellungsmuster, die viele für normal halten. Außerdem wirft sie engagiert Fragen auf wie z.B. nach der Einschätzung der Darstellung einer Promi-Lesbe in einem Boulevard-Blatt oder der üblichen CSD-Berichterstattung – die sich direkt auf Frankfurts Presse rückbeziehen lässt (vgl. Blog-Artikel “War es mal wieder “laut, bund und schrill”?).

Sichtbarkeit ist Voraussetzung, um politisch präsent zu sein. Die Nichtsichtbarkeit von Lesben in der Presse erklärt Amberg mit der “Logik eines männerzentrierten Pressejournalismus” und der gesellschaftlichen Position lesbischer Frauen, “deren Emanzipationsbewegung durch den ‘Backlash’ der letzten Jahre ins Stocken geraten ist”. Gleichzeitig wird im Buch aber auch die Ambivalenz von Bildern deutlich, ihre Wirksamkeit als Träger für Klischees und Stereotype, aber auch als dynamische Projektionsflächen, deren Bedeutungen sich verändern. 

Was tun? Um präsent zu sein, bedarf es einer Öffentlichkeit. Amberg stellt in diesem Zusammenhang die Wichtigkeit einer politisch agierenden Community fest. Sich als Lesbe zu outen scheint demnach nicht zu genügen - sie beruft sich auf neuere Forschungen, nach denen sich Lesben häufiger als Schwule outen (ebd., 220), was aber (noch) keine nachhaltige Präsenz in der Öffentlichkeit schaffe. Die alte Forderung nach Bündnissen, wenn auch nur auf Zeit, um gemeinsam etwas zu erreichen, wird laut. Dem ließe sich anfügen – vielleicht auch entgegenstellen: der Kreativität freien Lauf lassen, selbst Bilder von schönen, starken, freien Lesben produzieren, imaginieren und auch einfordern, nicht dem Mainstream der Darstellungen folgen und für starke eigene Öffentlichkeiten sorgen. 

Elke Amberg: Schön! Stark! Frei! Wie Lesben in der Presse dargestellt werden, Ulrike Helmer Verlag, 2011

Abgelegt in Allgemein, Lesben bundesweit

Eine Reaktion

  1. irgendeine Userin

    Dem letzten Satz des Artikels stimme ich unbegrenzt zu.
    Aber es ist auch eine Gradwanderung für die eigene Präsenz in der öffentlichkeit, die unternommen wird… Weil es gibt nicht nur den Vorteil der Sichtbarkeit, sondern es kann auch zu Nachteilen kommen…
    Nicht einfach zu lösen.

    Einige Blog-Artikel habe ich auf Bitten auf unsichtbar gestellt, weil die darin enthaltene Lesbe nicht mehr namentlich im Netz vorkommen möchte. Ich kann das absolut nachvollziehen und gehe dieser Bitte auch gerne nach.

    Wir leben in einer Gesellschaft, die vorgibt tolerant zu sein. Die es aber häufig nur vordergründig ist. Wenn sich die Möglichkeit gibt, dann wird hintenrum “reingeschlagen”. Ich glaube, dass so manche Lesbe ein gutes Gespür dafür hat. Vor- und Nachteile abwägen ist überlebenswichtig.