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Lesben und Kirche

23. September 2014 von Lina S.

Eines der meist diskutierten Themen bzgl. Homosexualität ist das Spannungsfeld Homosexualität und Kirche. Kaum einer Lesbe wird die Situation unbekannt sein, in welcher das Thema Glaube angeschnitten wird. So wurde auch ich in der letzten Woche in meinem Bekanntenkreis wiederholt mit dem Thema konfrontiert und konnte mein Entsetzen kaum verbergen.

Im ersten Falle wurde SchülerInnen einer sechsten Klasse im Biologieunterricht vermittelt, dass Homosexuelle ihre sexuelle Orientierung frei wählen können. Sie würden sich bewusst dazu entscheiden, als Frau eine Frau lieben zu wollen und als Mann einen Mann.

Im zweiten Falle wurde im Religionsunterricht einer achten Klasse kundgetan, dass gleichgeschlechtliche Liebe nicht gottgewollt sei und somit auch in Gesellschaft und Religion nicht anerkannt sein sollte.

Angesichts nicht nur dieser beiden Beispiele stellt sich mir die Frage, in welchem Schulsystem Kinder und Jugendliche unterrichtet werden, wenn sie solche Aussagen als Orientierung erhalten. Es handelt sich ja um Kinder und Jugendliche, die sich in den meisten Fällen vermutlich noch nicht weiter mit dem Thema Homosexualität beschäftigt haben – und wenn, dann möglicherweise, weil sie sich fragen oder vielleicht feststellen, ob oder dass sie sich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlen. Angesichts solcher “pädagogischer Aussagen” besteht weiterhin die schon seit Jahrzehnten bekannte Gefahr, dass sich homosexuell orientierende Heranwachsende schämen, zurückziehen und durch Selbstverleugung krank werden. Und auch: dass sie häufiger als heterosexuell orientierte Gleichaltrige Suizid begehen. Angesichts dieser bekannten Zustände stellt sich mir immer stärker die Frage, ob die Menschheit nicht aus vergangenen Zeiten gelernt hat?

Während sich die Evangelische Kirche derzeit zumindest ansatzweise für die Rechte von Lesben und Schwulen einsetzt, scheint ein Umdenken der Katholischen Kirche noch weit entfernt. Hierbei kommen zwei unterschiedliche Orientierungen im Glauben zum Tragen. Die erste Einstellung ist diejenige, dass Homosexualität angeboren und nicht veränderlich sei. Die Evangelische Kirche in Deutschland formuliert die These:

Homosexualität ist eine Prägung , die unveränderbar ist und auch keiner Korrektur bedarf. Veränderungsversuche behindern oder verhindern die notwendige Selbstannahme. Sie führen nur dazu, daß Menschen deformiert oder gebrochen werden. (EKD)

Demgegenüber besteht die Ansicht, Homosexualität sei eine selbst gewählte Orientierung, welche einer Veränderung bedarf, über welche der oder die Homosexuelle zu einem erfüllten Leben gelange. (Vgl. ebd.)

Beide Ansichten können über unterschiedliche Bibelstellen belegt oder widerlegt werden. Doch sollte nicht bereits diese Tatsache dazu führen, Lesben und Schwule in der Kirche ebenfalls zu Wort kommen zu lassen? So schreibt die Bibel: „Liebe deinen Nächsten“ und unterscheidet diesbezüglich weder nach Geschlecht, noch nach Hautfarbe, noch nach sexueller Orientierung (vgl. http://www.bibel-online.net/).

Die evangelische Kirche geht bereits einen Schritt weiter. Sie stellt die Existenz der Kirche und deren Einrichtungen ohne Lesben und Schwule in Frage. So ist bekannt, dass bis zu 60% des Klerus, also der katholischen Geistlichkeit/Priesterschaft homosexuell sind (https://aktuell.evangelisch.de/). Weshalb jedoch versucht besonders die katholische Kirche, das Thema Homosexualität durch Hetze oder Schweigen zu verdrängen? Ist es die Angst vor dem Unbekannten? Die Angst, der Realität ins Auge sehen zu müssen? Sich eigene Fehler im Umgang mit gesellschaftlichen Minderheiten eingestehen zu müssen? Möglicherweise unchristliches Verhalten toleriert zu haben?

An diesem Punkt hilft wohl lediglich das Outing möglichst vieler Lesben und Schwuler, die aktiv glauben, um die Angst vor dem Unbekannten zu verringern. Es ist wohl keine Frage der Schuld, wer an welchem Punkt einen Fehler begangen hat. Vielmehr ist es das Verzeihen, das Christen besonders hoch ansehen, aber auch der Hinweis darauf, dass Gott die Menschheit geschaffen hat und alle seine „Schäfchen“ liebt. Hierbei schließt er keine Hautfarbe, keine sexuelle Orientierung aus. Wo also liegt das Problem in einem (kirchlichen) Miteinander?

Quellen:

http://www.bibel-online.net/suche/?qs=%22Liebe+deinen+N%C3%A4chsten+wie+dich+selbst.%22&translation=6 (Stand: 15.09.2014)

http://www.ekd.de/familie/44736.html (Stand: 15.09.2014)

https://aktuell.evangelisch.de/artikel/95471/ohne-homosexuelle-waere-die-kirche-aufgeschmissen (Stand: 15.09.2014)

Wir weisen an dieser Stelle auf eine Veranstaltung der Evangelischen Akademie Frankfurt hin: “Kirchliche Trauung homosexueller Paare? Eine theologische Stellungnahme” am 15.10. www.evangelische-akademie.de

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