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CSD-Parade: Gemischte Gefühle und Nachdenken über Liebe

22. Juli 2016 von libs

Gastbeitrag von Annie

Zum ersten Mal seit Jahren gehe ich wieder auf der Parade mit. Ich hatte meist keine richtige Lust mitzulaufen: zu laut, zu eng, zu viele halbnackte Männerkörper. Ganz am Anfang meines bewussten Lesben-Daseins, als ich ein paar Jahre out war, wollte ich dabei sein. Mich politisch bewegen. In der Community. Dieses Jahr will ich mitlaufen – ich weiß nicht genau, warum. Es gab Orlando. Es gibt “besorgte Eltern”. Es gibt Evangelikale in Hessen und anderswo, die Jugendliche manipulieren. Vielleicht will ich deshalb mitlaufen. Ich laufe mit vielen anderen in der Hitze des Tages. Um mich herum tänzelnde, tanzende Menschen, Transparente. Freundlich zuschauende Massen am Rand, wirkliche Massen, ich komme mir vor wie im Zoo.

Aber ja, so war es doch auch früher. Ich höre später: 8000 Personen auf der Parade. Je nach Zone gibt es vereinzelt strenge Gesichter, das ist vielleicht Typ-Sache, aber möglicherweise politisch gemeint. Ich bin misstrauisch. Suche ich mögliche Feinde? Ein Balkon ist eingerahmt von lauter kleinen Deutschlandflaggen, sie umwehen das Geländer im 4. oder 5. Stock, auf dem ein junger Mensch mit asiatischen Gesichtszügen steht. Hoch über uns. Dann: Mitwippende Menschen in offenen Fenster. Weiter: Ein einsamer LKW steht in der Mitte einer Verkehrsinsel und eine Schreckminute vergeht, bis ich verstanden habe, was passiert ist: Mein Inneres hat sich an Nizza erinnert. Paranoia? Vorne, am Anfang der Parade, sagt man mir, wird Orlando gedacht. Das ist gut. Ich denke auch daran, frage mich, ob es einen Schatten wirft. Zu sehen ist nichts: Fröhliche Menschen feiern, tanzen. Aber überall dort, wo ich im Gespräch andeute, dass ich auch mulmige Gefühle habe, unsortiert, im Hintergrund auf- und abschwebend, da wird mir recht gegeben. Ja, mir geht’s auch so. Manchmal kommt mir so ein Bild, ein Gedanke. Die Welt ist anders geworden. Ist sie?

Ein paar Tage später, am 21.7., wird die CSD-Parade in Jerusalem der Messerattacke im letzten Jahr gedenken, die ein fanatischer Gläubiger auf Teilnehmer_innen der Parade verübte. Es gab dabei eine Tote, der das Gedenken der Community gilt. Einige israelische Politiker nehmen an der Parade teil. Der Jerusalemer Bürgermeister nicht. Die Religion, die Raum für Besinnung, Läuterung, Liebe geben soll, spielt eine starke Rolle bei Homophobie in ihren gewaltsamsten Ausformungen.

Das Frankfurter Motto ist: Liebe gegen rechts. Eine klare Position, die sich vor allem auf Deutschland, auf die aktuellen rechten Kräfte bezieht. Liebe, denke ich, wäre auch gut gegen Hass und Gewalt generell, gegen Liebesentzug von Eltern, die ihre trans*, lesbischen, queeren, schwulen oder sonstwie “nicht normalen” Kinder abstrafen, gegen Evangelikale, die vorgeben, Jugendliche zu schützen, indem sie sie zu Heterosexualität umerziehen wollen mithilfe von Gehirnwäsche. Liebe gegen alle, die sich scheinbar ums Kindeswohl sorgen und genau gegen das Kindeswohl agieren, indem sie keine Gleichstellung bei Adoption und Sorgerecht für Regenbogenfamilien herstellen. Liebe gegen diejenigen, die ein Zurück zu den traditionellen Geschlechterrollen fordern, um ihre Privilegien zu erhalten, weil sie Uneindeutigkeiten nicht aushalten – zeigen sie ihnen doch, wie unrecht sie haben, dass es kein natürliches Gesetz der Körper gibt, das uns Menschen eindeutig sagt, wie wir zu leben haben und wer die Macht hat.

Aber kann man “Liebe gegen …” fordern? Ist Liebe nicht genau das Gefühl, dass alles mit einschließt? Das eben nicht polarisiert, sondern eint, das nicht trennt, sondern zusammenbringt?Ist es nicht ein Widerspruch zu fordern, liebend gegen etwas zu sein?

Vielleicht beschreibt dieser Widerspruch etwas Grundlegendes: unseren Wunsch zu lieben, zusammenzugehören, ein Wir-Gefühl zu haben und gleichzeitig die Notwendigkeit, Positionen herzustellen gegen das, was uns kaputt macht, sich gegen uns richtet und Hass schürt. Vermutlich müssen wir in dieser Welt, in der nun Hass verstärkt und offener in allen möglichen Formen gegen alle möglichen Minderheiten, aber auch Mehrheiten auftritt, in der Lage sein, deutlich Position zu beziehen und dennoch unsere Liebe zu uns selbst und anderen nicht zu verlieren. Gemischte Gefühle sind angebracht.

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